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Überblick

Neue Debatte um das Tempolimit in Deutschland

Das Tempolimit in Deutschland ist ein politisches Dauerthema mit garantiertem Streitpotenzial. Auch in diesem Jahr erhält die Debatte um die Geschwindigkeitsbegrenzung eine neue Auflage: Soll es nach Jahren erbitterter Diskussionen nun doch ein Tempolimit für die Autobahn geben? Grüne, Linke und SPD sind dafür – FDP, AfD und Union sperren sich weiter hartnäckig.

Deutschland bei Tempolimit europäische Ausnahme

Auf 70 Prozent des deutschen Autobahnnetzes herrscht derzeit freie Fahrt – lediglich auf 20,8 Prozent gibt es zeitweise oder dauerhafte Beschränkungen, dazu kommen circa zehn Prozent variable Verkehrslenkungen. Angaben der Bundesanstalt für Straßenwesen zufolge sind Tempo 100 (5,6 Prozent) und Tempo 120 (7,8 Prozent) die häufigsten Beschränkungen; zudem wird seit mehr als 40 Jahren eine Richtgeschwindigkeit von 130 empfohlen.

Im europaweiten Vergleich ist Deutschland damit der Außenseiter: Ein Großteil der europäischen Mitgliedsstaaten hat mittlerweile ein einheitliches Tempolimit für Autobahnen.

Was bringt das Tempolimit?

Befürworter einer Geschwindigkeitsbegrenzung für die Autobahn wie beispielsweise die Deutsche Umwelthilfe argumentieren, dass besonders im Verkehr massive CO2-Einsparungen nötig seien, um die Klimaziele für das Jahr 2030 zu erreichen. Das höchste Einsparpotenzial habe dabei ein Tempolimit von 120 km/h auf der Autobahn, 80 km/h außerorts sowie ein strengeres Tempolimit innerorts (Tempo 30).

Um zu beurteilen, wie effektiv die Geschwindigkeitsbegrenzungen tatsächlich wären, fehlt vor allem eins: aktuelle Studienergebnisse. Denn die drei Millionen Tonnen CO2-Einsparung, die in dem Zusammenhang oft genannt werden, gehen auf eine Studie zurück, die bereits über 20 Jahre alt ist. In dieser berechnete das Umweltbundesamt mit Daten aus dem Jahr 1992, dass diese drei Tonnen bis 2005 bei einem Tempolimit von 120 eingespart werden könnten.

Die Studie wurde bisher nicht wiederholt. Dem statistischen Bundesamt zufolge stieg jedoch der CO2-Ausstoß auf den Straßen der Bundesrepublik von 2010 bis 2017 um sechs Prozent auf 115 Millionen Tonnen. Denn obwohl Autos in dieser Zeit sauberer geworden sind, legen wir Deutschen mit immer leistungsstärkeren Fahrzeugen nicht nur mehr Strecke zurück, sondern werden auch immer schneller.

Wie viel CO2 wir durch Tempolimits in diesen sieben Jahren hätten einsparen können, wurde leider nicht ermittelt. Jedoch überschlug das Öko-Institut die potentiellen Einsparungen mithilfe von Daten des Umweltbundesamtes und kam auf zwei bis drei Tonnen weniger CO2 bei einem Tempolimit von 120 km/h auf der Autobahn.

Sowohl das Öko-Institut als auch das Umweltbundesamt bestätigten den Kosten-Nutzen-Effekt des Tempolimits: Dieses sei "ein kurzfristig realisierbarer, kostengünstiger und wirksamer Beitrag zur Reduzierung der CO2-Emissionen und des Kraftstoffverbrauchs“.

Was spricht gegen das Tempolimit?

Auch wenn das genaue Einsparpotenzial durch ein allgemeines Tempolimit nicht bekannt ist, können auch dessen Gegner nicht bestreiten, dass eine langsamere Fahrgeschwindigkeit weniger Spritverbrauch und somit auch weniger Kohlenstoffdioxid bedeutet. Ebenso würde sich die Verkehrssicherheit durch niedrigere Geschwindigkeiten nachweislich erhöhen. Was spricht also gegen die Geschwindigkeitsbegrenzung?

Gegner wie der Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer halten das Tempolimit für überflüssig: "Die deutschen Autobahnen sind die sichersten Straßen der Welt. Wir haben eher Probleme bei der Verkehrssicherheit auf Landstraßen, darauf muss unser Fokus liegen." Alternative Antriebe und autonomes Fahren würden die Durchschnittsgeschwindigkeit zukünftig sowieso senken. "Ein Fahrer eines Elektroautos weiß ganz genau: Wer zu oft das Tempo wechselt oder zu sehr Höchstgeschwindigkeiten fährt, ist schnell mit der Reichweite seines Auto am Ende."

Auch für CDU-Chef Armin Laschet ist der Klima-Aspekt nicht nachvollziehbar: "Warum soll ein Elektro-Fahrzeug, das keine CO2-Emissionen verursacht, nicht schneller als 130 fahren dürfen? Das ist unlogisch", erklärte er gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Das Elektroautos 2020 gerade einmal drei Prozent auf deutschen Straßen ausmachten und auch autonomes Fahren Experten zufolge noch einige Jahre in der Ferne liegt, wird dabei außer Acht gelassen.

Eines lässt sich jedoch nicht bestreiten: Auch wenn Verkehr in der Bundesrepublik in Sachen CO2-Emissionen nur auf Platz drei liegt, nämlich hinter Energiewirtschaft und Industrie, ist es der einzige ausschlaggebende Bereich, in dem die ökologische Belastung steigt. Jede Maßnahme zur Reduzierung wäre hier also sinnvoll.

Quellen

https://www.zdf.de/nachrichten/politik/tempolimit-wahlkampf-100.html

https://www.zdf.de/nachrichten/heute/im-ueberblick-was-ein-tempolimit-fuer-den-klimawandel-die-verkehrssicherheit-und-den-verkehrsfluss-bringt-102.html

https://www.adac.de/news/statistik-e-autos/

https://www.br.de/radio/bayern1/tempolimit-europa-100.html

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