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Wie realistisch ist eine CO2-neutrale Formel 1?

In Zeiten von Klimaschutz und Fridays for Future muss sich der Motorsport neu erfinden. Die Königsklasse des Motorsports will voran gehen: Die Formel 1 will bis 2030 klimaneutral werden.

In Zeiten von Klimaschutz und Fridays for Future muss sich der Motorsport neu erfinden. Die Königsklasse des Motorsports will voran gehen: Die Formel 1 will bis 2030 klimaneutral werden.

Die Themen Energieeffizienz und Umweltfreundlichkeit beschäftigen die Formel 1 schon seit einigen Jahren. Schon früh, mancher möge einwenden viel zu spät, wurde die Rennserie aktiv. Zur Saison 2009 etwa wurde das „KERS-System“ (Kinetic Energy Recovery System, ein System zur Rückgewinnung von kinetischer Energie) eingeführt. Und 2014 trat ein neues Motoren-Reglement in Kraft: Die 2,4-Liter-V8-Saugmotoren wichen 1,6 Liter-V6-Turbo-Motoren. Das bisher genutzte KERS-System wurde gegen das ERS-System getauscht: Das neue System bestand aus der bisherigen kinetischen Energierückgewinnung und wurde um das ERS-System ergänzt, das die Abwärme des Motors über den Turbolader zur Energiegewinnung nutzte und ebenfalls die Batterien lud. Technologie, die funktionierte.

Antrieb

2017 machte Mercedes-Benz Schlagzeilen: Bei Prüfstandsläufen erreichte der Antrieb des eigenen F1-Renners einen Wirkungsgrad von über 50 Prozent. Ein großer Erfolg, wenn man bedenkt, dass normale Benzinmotoren nicht über 30 bis 35 Prozent hinauskommen.

Auf dem Weg zu einem CO2-neutralen Motorsport-Format will die Formel 1 2022 die nächste Stufe zünden: Dann sollen zehn statt fünf Prozent Bio-Sprit dem Kraftstoff beigemischt werden. Ein Jahr später, spätestens aber 2025 soll auf 100 Prozent CO2-neutrale, synthetisch hergestellte E-Fuels umgestellt werden. 2025, spätestens 2026 soll ein neues Motoren-Reglement in Kraft treten. Wie das aussehen wird, weiß heute noch keiner. Im Gespräch ist ein Antrieb mit 60 Prozent Elektroanteil. Die restlichen 40 Prozent dürften E-Fuels beisteuern.

Logistik und Reisen

Kleine Überraschung am Rande: In Sachen CO2-Bilanz ist der Antrieb theoretisch zweitrangig. Genauer gesagt sogar fünftrangig. Laut Formel-1-Angaben machen die Emissionen der F1-Antriebe lediglich 0,7 Prozent des gesamten CO2-Verbrauchs der Formel 1 aus. Der Löwen-Anteil geht auf das Konto der Logistik: Der Transport der Boliden, der Ausrüstung, der Veranstaltungstechnik, der Reifen etc. macht satte 45 Prozent des CO2-Ausstoßes aus. Die Reisekosten von Einzelpersonen, die mit Straßenverkehrsmitteln oder via Flugzeug reisen sowie Hotels nutzen, soll 27,7 Prozent ausmachen.

Wie realistisch ist eine CO2-neutrale Logistik tatsächlich? Um diese Frage zu antworten, lohnt ein Blick abseits der Formel 1. Der Logistik-Dienstleister Kühne+Nagel plant für 2030, komplett CO2-neutral zu werden. Den See-Transport konnte das Unternehmen bereits 2020 – zumindest bilanziell – CO2-neutral gestalten: „Durch die Wahl besonders klimafreundlicher Seefrachtverbindungen und die Kompensation der verbleibenden Emissionen mit CO2-Zertifikaten“ wird die Seefracht von Kunden klimaneutral verschifft.

Auch erste Frachtflugzeuge fliegen bereits CO2-neutral, wie Lufthansa Cargo etwa. Dabei kommt Kerosin aus erneuerbaren Quellen zum Einsatz. Zentrales Problem: Der CO2-neutrale Treibstoff soll drei- bis siebenmal so viel kosten wie das konventionell hergestellte Kerosin. Wie die Kosten in neun Jahren aussehen, steht in den Sternen. Eine Reduzierung der Anzahl der Rennen wäre in jedem Fall eine Option, die CO2 sparen würde.

Stand heute ist allerdings kaum denkbar, dass die Formel 1 bereit sein wird, mit deutlich höheren Transportkosten zu planen. Das für 2030 avisierte Ziel, CO2-neutral zu werden, beißt sich auch mit den aktuellen Plänen: Für 2021 plant Liberty Media, Besitzer der Formel 1, mit dem umfangreichsten Kalender aller Zeiten. Insgesamt 23 Rennen sollen stattfinden. Und Mercedes-Teamchef Toto Wolff betonte erst kürzlich, dass die F1-Teams mit mehr Rennen auch mehr Geld verdienen… Eine Reduzierung des Kalenders erscheint – trotz der hohen Aufwände – zumindest heute unwahrscheinlich.

Werke und Veranstaltungsbetrieb

Für 19,3 Prozent des von der Formel 1 emittierten CO2 sind die Büros und Werke der Formel-1-Teams verantwortlich. 7,3 Prozent für den Veranstaltungsbetrieb, einschließlich der Rennen des F1-Rahmenprogramms, des Paddock-Club-Betriebs und des Energieverbrauchs der Strecken.

Der CO2-neutrale Betrieb der Werke dürfte bis 2030 ein durchaus realistisches Ziel sein. Der Automobilhersteller Audi beispielsweise will bis 2030 alle Werke klimaneutral machen. Das sollten auch die deutlich kleineren F1-Teams schaffen.

Auch der Energieverbrauch auf den meisten Rennstrecken dürfte sich bis 2030 klimaneutral gestalten lassen, ebenfalls ein Großteil der Rahmen-Rennserien.

Doch egal, welchen Bereich wir betrachten: Eine 100-prozentige, echte CO2-Neutralität dürfte bis 2030 ein extrem ambitioniertes Ziel sein, der Weg dahin eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Und doch ist dieser ambitionierte Plan die richtige Entscheidung - auch wenn ein nicht unwesentlicher Prozentsatz an CO2 dann wahrscheinlich im Rahmen von Klimaschutzprojekten kompensiert werden wird.

Bild: Mercedes-Benz