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Erdgas und Atomkraft – Greenwashing oder tatsächlich grün?

Die EU hat vor Kurzem im Rahmen der Taxonomie Investitionen in Kernkraft und Erdgas unter bestimmten Bedingungen als klimafreundlich eingestuft. Für die Maßnahme hatte es massive Kritik gegeben. Manche Experten sprachen von Greenwashing, das die beiden Energieformen verharmlose und die Glaubwürdigkeit der EU und ihrer Taxonomie zerstöre. Doch handelt es sich wirklich um Greenwashing oder sind Kernenergie und Erdgas etwa viel besser als ihr Ruf? Wir beleuchten das Thema in diesem Artikel näher.

Was ist eigentlich die EU-Taxonomie?

Bei der EU-Taxonomie handelt es sich um ein Klassifizierungssystem, das eine Einschätzung erleichtern soll, welche Wirtschaftsaktivitäten als nachhaltig einzustufen sind. Anhand dessen sollen Bürger und Anleger besser einschätzen können, ob ein Unternehmen, in das sie anlegen wollen, gut für Klima und Umwelt ist. Das Ziel ist, dass Anleger vermehrt Geld in wirklich grüne Unternehmen investieren, was der EU dabei hilft, ihre Klimaziele bis 2050 zu erreichen. Vereinfacht ausgedrückt definiert die EU-Taxonomie also, ob eine wirtschaftliche Investition wirklich nachhaltig ist. Bislang gab es dafür keinerlei Regeln. Die Kommission der EU hat nun aber klare Kriterien festgelegt. Demnach muss eine Investition zu einem von sechs bestimmten Umweltzielen beitragen und darf keines der anderen Ziele negativ beeinflussen. Die beiden wichtigsten Umweltziele, die im Taxonomie-Entwurf stehen, sind die Verhinderung des Klimawandels und eine Anpassung an ebendiesen Klimawandel. Weitere Ziele sind die nachhaltige Nutzung von Wasser- und Meeresressourcen, die Förderung einer Kreislaufwirtschaft und eine Vermeidung der Umweltverschmutzung. Schließlich sollen Biodiversität und Ökosysteme geschützt und wiederhergestellt werden.

Ende Januar hat die EU im Rahmen ihrer Taxonomie Investitionen in Kernenergie und Erdgas als nachhaltig eingestuft, was unter Experten einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen hat. Die Kommission bezeichnete Atomenergie und Gas zwar nicht grundsätzlich als grün, sieht sie aber als geeignete Brückentechnologien hin zu erneuerbaren Energien. Konkret bedeutet das, dass neue Atomwerke bis 2045 als nachhaltig eingestuft werden können, sofern sie einen durchdachten Plan für die Endlagerung radioaktiven Mülls ab spätestens 2050 vorlegen. Investitionen in neue Gaskraftwerke gelten bis 2030 als nachhaltig, sofern die Anlagen Werke mit einer schlechteren Umweltbilanz ersetzen und ihr Betrieb bis 2035 mit klimafreundlichen Gasen abläuft. Greenpeace bezeichnete es als grotesk, Atomenergie und Erdgas als nachhaltig einzustufen und sprach von einer Glaubwürdigkeitsverletzung der EU und ihrer Taxonomie. Auch viele Klimaexperten und einige EU-Länder kritisierten die Maßnahme. So sprach sich auch Deutschland dagegen aus, Atomenergie in das Taxonomiesystem aufzunehmen. Bei Erdgas waren die Vorbehalte hierzulande allerdings weniger deutlich. Wie steht es mit Atomkraft und Erdgas in Sachen Nachhaltigkeit nun aber eigentlich wirklich?

Wie nachhaltig ist Atomkraft?

Atomkraft produziert wetterunabhängig aus wenig Brennstoffen jede Menge Energie und ist im Betrieb CO₂-neutral. Im Gegensatz zu fossilen Brennstoffen wie Kohle und Erdöl trägt die Atomkraft also auch nicht zur globalen Klimaerwärmung bei. Aber: Im Rahmen der Atomenergie wird radioaktive Strahlung freigesetzt, die für Menschen und Umwelt extrem gefährlich sein kann. Man denke nur an die AKW-Unfälle in Tschernobyl und Fukushima. Die Entsorgung des radioaktiven Mülls ist langwierig und ebenfalls riskant, weil dieser die radioaktive Strahlung absondert. Ist es nun in Ordnung, Atomenergie im Rahmen der Taxonomie als nachhaltig einzustufen? Eher nicht, denn bei der Taxonomie geht es nicht nur um Klimaschutz. Andere Ziele der Taxonomie werden durch die Atomenergie deutlich verletzt, so leistet sie keinen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft und gefährdet den Wasserschutz. Der radioaktive Müll ist wie erwähnt eine Gefahr für Umwelt und Menschen. Der Wandel vom Feindbild aller Umweltaktivisten zum Klimaretter der Zukunft, den die Atomkraft durch ein grünes Label absolviert, ist also mehr als unglaubwürdig.

Wie nachhaltig ist Erdgas?

Erdgas gehört neben Kohle und Erdöl zu den fossilen Brennstoffen. Wird es verbrannt, entsteht Wärmeenergie, die zum Heizen und Kochen genutzt werden kann. Zudem kann es Fahrzeuge antreiben und als Stromquelle dienen. Im Vergleich zu Erdöl und Kohle setzt Erdgas außerdem weniger Treibhausgase frei. Die Klimaschutzagentur KEA kam in einer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Erdgas 21,6 Prozent weniger Emissionen als Heizöl ausstößt. Dafür enthält Erdgas Methan, das zudem bei der Förderung und dem Transport entweicht. Methan ist ein starkes Treibhausgas, wenngleich es schneller in der Atmosphäre abgebaut wird als CO₂. Ganz ohne Nachteile für Klima und Umwelt ist also auch Erdgas nicht, wenngleich sogar Greenpeace sich 2010 dafür aussprach, Erdgas-Kraftwerke als Brückenenergieträger für den Atomausstieg zu nutzen.

Da Erdgas jedoch nicht klimaneutral ist, ist die Einstufung als nachhaltig durch die EU-Taxonomie inkorrekt und irreführend. Erdgas stößt CO₂ und Methan aus, also kann von einer sauberen Energieform, die einen Beitrag zum Klimaschutz leistet, nicht die Rede sein. Dazu kommt, dass das Erdgas mitunter, zum Beispiel in den USA, durch hydraulisches Fracking gefördert wird. Dabei wird Wasser mit Quarzsand und Chemikalien versehen, damit es Risse in Gesteinsschichten erweitert und eine Förderung ermöglicht. Das Verfahren gilt jedoch als massiv umweltschädlich. Dabei können Chemikalien ins Grundwasser gelangen, zudem wird viel Wasser verbraucht und es entstehen hohe Luftemissionen. Außerdem entweicht beim Fracking noch mehr Methan als bei anderen Fördermethoden. Die in den Gesteinsschichten entstandenen Hohlräume können zusätzlich Erdbeben verursachen.

Fazit: So grün sind Atomenergie und Erdgas

Was auch immer die Politiker in Brüssel dazu bewogen hat, Atomenergie und Erdgas im Rahmen der Taxonomie als nachhaltig einzustufen: Die beiden Energieformen sind alles andere als nachhaltig und klimafreundlich. Also kann man hier durchaus von Greenwashing reden. Das theoretisch sehr sinnvolle und hilfreiche Bewertungssystem der Taxonomie verliert durch die Einstufung eindeutig an Glaubwürdigkeit. Eine Ablehnung der Taxonomie-Verordnung gilt jedoch als unwahrscheinlich, denn dafür müssten mindestens 20 EU-Mitgliedsstaaten dagegen stimmen und davon ist nicht auszugehen.

Quellen

https://utopia.de/ratgeber/erdgas-vor-und-nachteile-des-fossilen-brennstoffes/

https://www.tagesschau.de/ausland/europa/taxonomie-atomkraft-eu-kommission-101.html#:~:text=Kommission zur Taxonomie EU stuft Atomkraft und Erdgas als nachhaltig ein&text=Trotz massiver Kritik hat die,mindestens zwei Länder wollen klagen.

https://www.deutschlandfunk.de/taxonomie-104.html#:~:text=EU-Kommission einwirken-,Welche Ziele hat die EU-Taxonomie%3F,Ausstoß von Treibhausgasen verzichtet werden.

https://www.hypovereinsbank.de/hvb/nachhaltigkeit/bedeutung-von-nachhaltigkeit/taxonomie-fuer-transparenz

https://www.wwf.de/themen-projekte/klima-energie/klimaschutz-und-energiewende-in-europa/eu-taxonomie-atomkraft-und-erdgas-ploetzlich-nachhaltig

https://www.rnd.de/politik/eu-atomkraft-und-erdgas-mit-greenwashing-zerstoert-glaubwuerdigkeit-laut-greenpeace-chef-YZNJZG7YANFCXOIYCQVMXV5OHA.html

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